Teil 2: „Für deine Gefühle bist du selbst verantwortlich!“ – Und doch berühren wir mit unseren Worten und Taten das Leben von anderen Menschen

Berührungspunkte – Wir berühren andere Menschen mit unseren Handlungen und Worten.

Ich habe letztens einen Artikel zu „Jeder ist für seine Gefühle selbst verantwortlich“ geschrieben. Heute
folgt der zweite Teil mit weiterführenden Reflexionen. Ich konnte nicht aufhören zu kichern, als mir dieses überspitzte, fiktive Beispiel zu einer zwischenmenschlichen Situation einfiel. Ich hoffe, ich kann mich hiermit verständlich machen:

Ich: „Du tust mir gerade gut.“
Antwort: „Für deine Gefühle bist du selbst verantwortlich!“

Ich kichere immer noch. Habt ihr schon erlebt, dass jemand so reagiert hat? Ich nicht! Wenn mir jemand sagt, dass ich ihm gerade guttue, dann bin ich erfreut und dankbar, dass ich das Leben eines anderen Menschen in diesem Moment so bereichern kann.
Ich bin nicht verantwortlich dafür, dass es dem anderen gut geht! Und doch hat etwas, was ich gesagt oder getan habe, bei dem anderen Menschen etwas ausgelöst. Etwas, was für uns beide mit angenehmen Gefühlen verbunden ist. Ich mag den Ausdruck von Marshall B. Rosenberg: „Das Leben wunderbar machen.“ Genau das ist hier wohl passiert.

Wir Menschen sind soziale Wesen – „Interdependenz“: Wir sind alle irgendwie miteinander verbunden. Menschen sind keine Individuen, die unabhängig von allen anderen Wesen existieren. Was wir tun und sagen oder auch nicht tun und sagen, kann Auswirkungen auf andere Menschen haben. In direkten zwischenmenschlichen Beziehungen noch viel mehr.

„You cannot get through a single day without having an impact on the world around you. What you do makes a difference, and you have to decide what kind of difference you want to make.” Jane Goodall

Mit meinem Beispiel konnte ich hoffentlich verständlich machen, was wir sagen und tun doch einen erheblichen Einfluss auf andere Menschen haben kann. Was ist denn nun also dieses: „Ich bin nicht dafür verantwortlich, wie du dich fühlst!“
Das nennt sich: „Emotionale Befreiung“ in der Gewaltfreien Kommunikation.

Von emotionaler Sklaverei zu emotionaler Befreiung

Heißt es im Buch „Gewaltfreie Kommunikation – Eine Sprache des Lebens“ von Marshall B. Rosenberg und darin unterscheidet er drei Stadien:

  • Stadium 1 – emotionale Sklaverei: Kennen wahrscheinlich besonders hochsensible Menschen: Wir glauben, wir sind für die Gefühle von anderen Menschen verantwortlich
  • Stadium 2 – rebellisch und ärgerlich: Wir wollen für die Gefühle anderer Menschen nicht länger verantwortlich sein
  • Stadium 3 – emotionale Befreiung: Wir übernehmen die Verantwortung für unsere Absichten und Handlungen

Dieses „Für deine Gefühle bist du selbst verantwortlich!“ ist eine Aussage aus Stadium 2. Denn in Stadium 3 erkenne ich auch an, dass ich etwas in anderen Menschen auslösen kann. Was hier „emotionale Befreiung“ genannt wird, bedeutet für mich: Ich bin achtsam dafür, dass die Bedürfnisse von anderen Menschen ebenso wichtig sind wie meine eigenen – ohne dass ich etwas aus Schuld, Scham, Angst oder Pflicht für sie tue. Mir liegt auch am Herzen, dass ich meine Bedürfnisse nicht auf Kosten anderer Menschen erfüllen möchte.

Während in meinem ersten Beispiel angenehme Gefühle ausgelöst wurden, nun die Kehrseite:

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Warum Rechtfertigungen in achtsamer Kommunikation nichts verloren haben – Der Unterschied zwischen Erklärungen und Rechtfertigungen

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Zur Achtsamkeit gehört vor allem eins: Selbstreflexion. Wie oft habe ich mich in meinem Leben gerechtfertigt? Vor mir und vor anderen. Wohl gefühlt habe ich mich damit nicht. Es kostete Kraft und führte zu vielen Konflikten.

Seitdem ich mich mit gewaltfreier und achtsamer Kommunikation beschäftige und die Fähigkeit zur Selbstreflexion entwickelt habe, fiel mir auf: Rechtfertigungen haben in achtsamer Kommunikation nichts zu suchen. Durch Rechtfertigungen habe ich unbewusst versucht, die Verantwortung von mir auf andere zu übertragen. Oft genug habe ich damit Dinge vor mir selbst schön geredet. Und ich habe andere Menschen beobachtet, in der Kommunikation mit mir: Es gab viele Rechtfertigungen und das eskalierte noch jedes einzelne Mal. Von Wertschätzung, Respekt und einer Kommunikation auf Augenhöhe konnte ich nichts mehr spüren.

Wo liegt er nun – der Unterschied zwischen Rechtfertigung und Erklärung?
Den Unterschied spüre ich in der Kommunikation. Rechtfertigung ist eine Mauer bauen – sich erklären, ist dem anderen Menschen die Hand reichen und Verantwortung übernehmen. Mit einer Erklärung zeige ich mich verletzlich und somit authentisch. 

Rechtfertigungen werden benutzt, um das eigene Verhalten zu untermauern. Ich bin im Recht. Ich stelle meine Wahrheit auf und rechtfertige mein Handeln damit, vielleicht auch vor mir selbst. Bei einer Rechtfertigung geht es darum klarzustellen, mein Handeln oder meine Worte waren OK und richtig – ohne Wenn und Aber. Egal, ob es doch Fehler war und ich vielleicht sogar jemanden verletzt habe. Flucht vor der Verantwortung – sich davon befreien wollen, bewusst oder unbewusst.
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Sich selbst verzeihen – Selbstmitgefühl, Akzeptanz und Veränderung

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Verzeihen und vergeben – den anderen – ist für mich schon ein Wert in meinem Leben.
Fehler und Verletzungen passieren, Enttäuschungen bleiben nicht aus. Absichtlich oder unabsichtlich: Niemand ist fehlerfrei und jeder Mensch hat schon jemanden verletzt. Jeder hat Dinge getan, die er bereut und rückgängig machen möchte. Und mit „jeder“ meine ich natürlich auch mich selbst.

Je näher mir der Mensch steht, der mich verletzt hat, desto eher kann ich verzeihen. Ich sehe den Menschen als Ganzes und nicht als den Fehler. Ich weiß ja, warum mancher Mensch so reagiert, kenne das Muster, aus dem die Verletzung entsteht. Der Fehler und die Verletzung machen aber den Menschen für mich nicht aus! Dieser Mensch ist so viel mehr!
Das heißt nicht, dass ich nicht wütend und traurig bin. Es bedeutet nicht, es tut nicht weh. Ich entscheide mich aber bewusst dafür, dem anderen zu verzeihen.

Nur einem Menschen kann ich nie verzeihen, einem Menschen schiebe ich immer die Schuld zu, vergebe nie, versöhne mich nicht und hadere. Ich hasse diesen Menschen für seine Fehler und die Verletzungen, die er anderen zufügt. Ich will, dass dieser Mensch perfekt ist und keine Fehler macht. Gegenüber diesem Menschen bin ich hart und unnachgiebig, für ihn habe ich nicht ein gutes Wort übrig: Dieser Mensch bin ich selbst. 
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Verletzungen, Reflexion und Schuld – achtsame Veränderungen

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Fakt ist: Jeder Mensch macht Fehler, jeder Mensch fügt anderen Verletzungen zu. Das ist menschlich. Ob wir es wollen oder nicht, es passiert. Jedem von uns, absichtlich oder unabsichtlich. Wir verletzen Menschen, die wir lieben. Wir werden von Menschen, die uns lieben verletzt. Wie wir damit umgehen, ist wichtig. Und damit umgehen kann nur eins bedeuten: Veränderung!

Auch unabsichtliche Verletzungen können großen Schaden anrichten. Da spielt es keine Rolle, ob ich vorsätzlich jemandem ein Messer in die Brust ramme, oder mit dem Messer versehentlich in die Person stolpere. Es tut weh!
Ich kann auch bestimmte Dinge gut meinen und sie verletzen Menschen trotzdem. Denn was den anderen verletzt, entscheidet und fühlt er und wird nicht durch meine Intention bestimmt.

Schuld. Schuld kann ein wichtiges Gefühl sein. Schuld, ich habe jemandem Schaden zugefügt, absichtlich oder nicht. Schuld in Empathie umwandeln: Sehen, was man angerichtet hat, den Schmerz des anderen fühlen und ihm das mitteilen.
Nicht um Entschuldigung oder Verzeihung bitten, damit irgendwas sofort wieder gut wird.
„Es tut mir leid. Ich sehe, ich habe dich verletzt!“ Kann immer nur der erste Schritt sein.

Vergebung und Verzeihen. Das ist etwas, was wir uns alle wünschen. Gerade bei unabsichtlichen Verletzungen wünschen wir uns: Sieh mich, in allem wie ich bin. Sieh nicht nur den Fehler! Nur ist das nicht immer möglich.
Was immer möglich ist und das Wichtigste: Die verdammte Verantwortung übernehmen! Hinsehen: Was habe ich getan? Was hat es ausgelöst? Was MUSS ich ändern, damit es nicht nochmal passiert?
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